MELODIE
EBNER-JOERGES - Biographisches zur Künstlerin
Kunst
evoziert das Geheimnis, ohne das die Welt nicht existieren
würde
René Magritte

Installation 'Briefe vom Dachboden'
Erstausstellung 5/6 Mai 2007
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Melodie
Jo Ebner kam 1961 in einer Musikerfamilie zur Welt - daher
der Name Melodie. Ihre Eltern Harold E. Ebner (alias Hal Case)
und June Maione waren Jazzmusiker, ihre Tante und Onkel waren
die Jazzsängerin Gia Maione Prima und Louis Prima, der
legendäre Louisiana und Las Vegas Entertainer und Bandleader
(buona sera, Signorina, buona sera...). In Fort Meyers geboren,
wo ihr Vater gelegentliche TV-Shows gab, lebte und arbeitete
die Familie ansonsten in Columbus, Ohio. Ihre frühesten
Kindheitserinnerungen stammen aus den Arbeitsstudios ihres
Vaters (eines zuhause, eines oberhalb seines Clubs), wo er
unter ihrer tätigen künstlerischen Mithilfe seine
eigenen Clubeinrichtungen entwarf. Ursprünglich selbst
von seinem Vater handwerklich ausgebildet, brachte er der
Tochter das Einmaleins von Zeichnen und Malen bei. Als
der Vater 1974 starb, sollte ihre Welt sich dramatisch ändern
und das vertraute Leben in Ohio zu Ende gehen. Nach der Wiederheirat
ihrer Mutter übersiedelte die Familie auf die halb holländische,
halb französische Karibik-Insel St. Martin (Sint Maarten),
wo sie den Rest ihrer Kindheit in einem Schmelztiegel örtlicher
und zugewanderter Kulturen verbrachte.
Die britische Schule eröffnete ihr früh europäische
Ansichten und Träume von Akademia und der weiten Welt.
Nach dem Oberschulabschluss ging sie in die Vereinigten Staaten
zurück und setzte ihre Ausbildung für zwei Jahre
am Philadelphia College of Art fort (und betrieb nebenbei
ein viktorianisches B & B, um die nötigen Mittel
zu beschaffen). Wirtschaftliche Probleme und auch eine gewisse
Abneigung, sich an amerikanische Lebensweisen zurückanzupassen,
nicht zuletzt wegen eines in Philadelphia spürbaren virulenten
Rassismus, brachten sie 1981 auf die Insel zurück. Dort
legte sie genug zurück, um 1982 ihren Traum einer ersten
Reise nach England und auf den Kontinent wahr zu machen. Ankommen
in Europa war für sie damals wie an einem Sommertag im
Gras zu sitzen. Freunde aus der Schulzeit, die nach Holland,
England und Frankreich zurückgekehrt waren, führten
sie in einen Lebensstil ein, den sie, wie sie wusste, eines
Tages für sich wählen würde. Inzwischen ging
sie zurück nach Philadelphia, um ihre künstlerische
Ausbildung weiterzuführen. Eine Chance, in Hongkong zu
arbeiten, half nicht nur, die Studienkosten zu decken, sondern
auch Asien zu entdecken - ein weiterer Punkt auf ihrer Traum-Tagesordnung
– nur um von ihrem Arbeitgeber zum Aufbau eines Bekleidungs-geschäfts
in die Dominikanische Republik abgeordnet zu werden.
Im Gefühl, dass sie hier nicht ganz am richtigen Platz
war, verließ sie 1984 nach Vertragsende diese Branche
und kehrte auf die Insel zurück, eröffnete ein eigenes
Geschäft für Freizeitmode, entwarf T-Shirts und
Logos und stellte ihre Arbeiten in der örtlichen Greenwiths
Gallery aus und sammelte erste Erfahrungen mit eigenen Malkursen.
Die
Sehnsucht nach Europa ließ sie indessen nicht los. Sie
beantragte den Austausch ihres St.Maarten-Ausweises gegen
die volle niederländische Staatsbürgerschaft und
machte sich daran, die Insel endgültig zu verlassen.
Nicht allerdings in Richtung England, ihrem ursprünglichen
Traumziel. Als unverbesserliche Katzenliebhaberin würde
sie nicht ohne ihre beiden Kätzchen gehen, aber die britische
Bürokratie ließ das damals nicht zu. Also nach
Amsterdam, wo sie fast vier Jahre blieb.
Amsterdam sollte ein höchst anstrengender Ort für
sie werden, nicht nur aus ökonomischen und bürokratischen
Gründen, sondern auch weil es ihr nicht leicht fiel,
sich mit den trendigen unternahm sie im Sommer 1997 eine kleine
Urlaubsreise nach Berlin – und traf dort auch einen
Sozialwissenschaftler und Amateurphotographen, ihren späteren
Mann. Im Oktober des Jahres kam sie nach Berlin zurück
und bereute nicht die 38 langen Jahre einer Suche nach einem
Heim für ihre Kunst und für ihr Selbst. Die folgenden
beiden Jahre galten, abgesehen vom Erlernen einer Sprache,
mit der sie immer noch schwierige Kämpfe ausficht, überwiegend
Pastell- und Ölarbeiten zu zwei Themenfeldern: 'Erinnerungen
an die Insel', mit frühen Eindrücken aus dem Leben
der Einheimischen, sowie 'Wasserfrauen' und 'Vertigo', beides
Serien zu den Erfahrungen von Ertrinken/Schwimmen und von
Schwindel/Aufregung, die mit der Ankunft in Europa, und schließlich
Berlin einhergingen.
Nach der Jahrtausendwende begann mit dem Aufbau des 'Kunsthof
Bahnitz' in einem kleinen, charmanten Haveldorf das nächste
große Abenteuer. Mit der Fertigstellung des neuen großen
Ateliers im Frühjahr 2003 beginnt eine neue Phase der
künstlerischen (und gärtnerischen) Tätigkeit
und der Zusammenarbeit mit anderen Künstlerinnen und
Künstlern im Rahmen der Malschule, die im Kunsthof entstanden
ist.
Inzwischen
haben viele hunderte von begeisterten Teilehmer/Innen aus
ganz Deutschland an ihren Malreisen teilgenommen und das kleine
Künstlerdorf Bahnitz liebgewonnen.
Melodies
Malerei trägt ausgeprägt autobiographische Züge.
Die Serie Island Memories
zum Beispiel, begonnen im heißen Sommer 1997 nach ihrer
Ankunft in Berlin, erzählt Geschichten aus ihrer Jugendzeit
auf "ihrer Insel" St. Martin. In ihrer starken Farbigkeit
und manchmal lebensfrohen, manchmal melancholischen Stimmungslage
vergegenwärtigt die Serie auf unnachahmliche Weise eine
karibische Vergangenheit, die weit zurück liegt. Ähnlich
verarbeitet die Künstlerin in der Serie Vertigo
Erfahrungen im turbulenten Berlin der späten 90er Jahre,
das ihr - trotz ihrer städtischen Vergangenheit in Hongkong
und Amsterdam - eine Zeit wiederkehrender Schwindelzustände
bescherte. Die Serie Water Ladies
verarbeitet den langsamen Wiederaufstieg aus der Desorientierung
"unter Wasser".
Mit
dem Umzug ins das beschauliche Bahnitz setzt eine Zeit der
Entdeckungsreisen im Havelland ein. Die Serie Havellandschaften
spiegelt ihre eigene Wahrnehmung der märkischen Landschaft
wieder; die Narben der Vergangenheit, die diese Landschaft
ebenso prägen, lässt sie ausserhalb des Rahmens
dieser Bilder. Langsam füllen sich dann, ähnlich
wie in den Island Memories von der Insel, auch diese
Landschaften wieder mit Menschen und örtlichen Geschichten.
Die neusten Bilder dieser Serie reflektieren den Prozess der
malerischen Aneignung von Landschaft im Freien und im Atelier
selbst: die Studentinnen der Malschule haben ihren Auftritt
im Bild und werden Teil des Dorflebens.
Auch eines ihrer letzten Projekte, Briefe
vom Dachboden, hat stark autobiographische Akzente
(und transportiert darüberhinaus eine "Botschaft",
die in den anderen Arbeiten der Künstlerin ganz im Hintergrund
bleibt). Das Projekt ist zunächst Medium der Aneignung
des Dorfes Bahnitz durch die 'ausländische' Künstlerin,
insofern seine Realisierung nur über den intensiven Kontakt
und das Gespräch mit 'Einheimischen' möglich war.
Es ist weiter eine sinnfällige Demonstration des Umstands,
dass selbst in einem abgelegenen Dorf und selbst in der kurzen
Spanne der Erinnerung eines Menschenlebens die Unterscheidung
von Fremden und Einheimischen, von Zuzüglern und "echten"
Bahnitzern keinen Sinn macht: es sind immer wieder neue gekommen,
alte sind abgewandert. Schliesslich wirkt das Projekt auf
diejenigen Beschauer, die sich und andere in diesen Briefen
vom Dachboden staunend wiedererkennen. Durch die Nacherzählung
der eigenen persönlichen Vergangenheit und die Auseinandersetzung
mit der Vergangenheit der Mitbewohner kommt es zu einer identitätsstiftenden
Selbstvergewisserung im Ort.

"Meerjungfrau II" aus der Serie
Water Ladies
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"Lupinenstrom" aus der Serie Havellandschaften
(200
x 90, Öl auf Leinwand)
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"Holunderbaum
I " aus der Serie Havellandschaften
(120
x 90, Öl auf Leinwand)
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"Feld am Milchgut" aus der Serie Havellandschaften
(100
x 60, Öl auf Leinwand)
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